berufsbildend brücken bauen
Geht eine Ausbildung Hand in Hand mit einer Fluchtgeschichte, gewinnen die Begriffe «Stabilität» und «Aufbruch» eine tiefere Bedeutung. Die Berufsbildung spielt hier wie da eine Rolle: Einerseits bietet sie den Jugendlichen eine verlässliche Struktur, andererseits jede Menge Perspektiven. Das bestätigen Abdullai und Rohullah. Für sie ist die Berufslehre viel mehr als eine Ausbildung; sie ist ein Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Entsprechend motiviert und willensstark starten die beiden in ihre berufliche Zukunft. Zu Lebensart haben sie über eine Schnupperwoche gefunden und gleich gewusst, dass sie sich hier um eine Lehrstelle bewerben wollen.
Pascal Keller, der in Bärau Abdullais Berufsbildner ist, erinnert sich noch gut an dessen Schnuppern: «Mit seiner Ausstrahlung und seiner positiven Art hat er uns sofort überzeugt. Diese tolle Energie bringt er bis heute in unser Team.
Pascal Keller
Nur wintertauglich ist er nicht.» Abdullai lacht und bestätigt diese Einschätzung. Seine Wurzeln liegen in Gambia, Schnee hat er in der Schweiz zum ersten Mal gesehen. Immerhin, Raclette zähle zu seinen Lieblingsgerichten erzählt er, das müsse an Winterbezug reichen. Auch sonst gibt es für den 22-Jährigen viele erste Male: Eine eigentliche Schule hat er nie besucht, neben einer neuen Sprache muss er sich also auch Lesen, Schreiben und Rechnen aneignen, die hiesige Lebensmittelpalette unterscheidet sich ebenfalls von jener Gambias, was die Berufskunde extra herausfordernd macht.

Abdullai (l.) absolviert eine Lehre als Koch EBA in Bärau.
Pascal (r.) ist Koch und Berufsbildner in Bärau.
«Vor diesem Hintergrund ist Abdullais Leistung noch beeindruckender», so Pascal. «Man merkt, dass er wirklich will, das hilft in schwierigen Momenten sehr.» Das Praktische sei kein Problem, sind sich die beiden einig, da sei er ein Lernender wie jeder andere. Anders sieht es beim Schulischen aus. «Da hat Abdullai noch einiges zu tun.» Deshalb fordert der Berufsbildner in der praktischen Ausbildung den Bezug zur Theorie der Berufsschule noch nicht ein: «Mir ist wichtig, dass er seine Freude behält. Sie ist sein stärkster Antrieb.» Unterstützung erhalten sie von Abdullais Pflegefamilie, die für beide eine wichtige Anlaufstelle ist. «Sie lesen mit mir, korrigieren mich, wenn ich Fehler mache, helfen mir bei Fragen», sagt Abdullai und Pascal ergänzt: «Sein Wohl liegt ihnen sehr am Herzen, das merkt man.» Freizeit bleibt kaum, Abdullai investiert fast seine gesamte Zeit in die Schule. Einzige Ausnahme ist der Fussball, er spielt als Flügel und Stürmer in der 2. Mannschaft des FC Langnau. «Ein fester Platz in der 1. Mannschaft ist mein Ziel.» Ziele hat er auch beruflich: «Wenn ich die Attestlehre EBA gut abschliesse und Pascal weiterhin Freude hat, möchte ich das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) anhängen.»
Auf dem Weg zu einem solchen ist Rohullah. Er absolviert seine Lehre als Fachmann Gesundheit EFZ auf der Entwicklungsstation in Aarwangen und ist hier in so regem Austausch mit seinen Mitlernenden, den Berufsbildner:innen und den Bewohnenden, dass wir das Gespräch auf Berndeutsch führen können. Er, ursprünglich aus Afghanistan und erst seit 2023 in der Schweiz, sieht darin keine grosse Sache, «mein halber Arbeitsalltag besteht aus Kommunikation», sagt der 19-Jährige und lacht. Dieser enge Kontakt und die grosse Abwechslung waren es, die ihn für seinen Beruf begeistert haben. «Jeder Tag ist anders, ich erlebe und erledige so viele verschiedene Sachen, das gefällt mir. Und: Es macht mir so viel Freude, wenn ich einem anderen Menschen helfen kann.» Freude, die die Bewohnenden spüren und darum sehr genau wahrnehmen, wenn Rohullah mal nicht da ist. «Dass sie meine Abwesenheit bemerken, ist ein sehr schönes Gefühl.»

Rohullah absolviert eine Lehre als Fachmann Gesundheit EFZ in Aarwangen.
Eine ebenso vertrauensvolle Beziehung hat er zu den berufsbildenden Personen. Sie wissen, dass Rohullah sich jederzeit an sie wendet, wenn er irgendwo ansteht. «Das ist ein schöner Vertrauensbeweis», sagen die berufsbildenden Personen. Am Können scheitere es jedoch selten, wenn, stehe Rohullah seine Unsicherheit im Weg: «Natürlich ist es manchmal schwierig, es ist eine Ausbildung und diese bringt Höhen und Tiefen mit sich», so die berufsbildenden Personen. «Aber wenn er uns zum Beispiel eine Präsentation zeigt, ist die in der Regel pfannenfertig. Er hat riesige Sprachfortschritte gemacht, auch schriftlich. Man merkt, dass er an sich arbeitet und vorwärtskommen will.» Wie Abdullai macht auch Rohullah Abstriche bei der Freizeit: «Im Sommer spiele ich gerne Volleyball, oft komme ich aber nicht mehr dazu. Ich muss doppelt so viel lernen wie meine Kollegen und das in einer fremden Sprache, das braucht Zeit.» Ein Fokus indes, der ihm nicht schwerfällt: «Ich bin so dankbar für das Vertrauen, die Chance und die Unterstützung, die ich hier bekomme, dass ich mir sehr gerne viel Mühe gebe.»
Es ist ein Engagement, das auch ausserhalb der Stiftung Beachtung findet. Just sechs Tage vor dem Interview standen Rohullah und Abdullai im Rampenlicht und nahmen zusammen mit zwei Vertretungen der Berufsbildung den diesjährigen Förderpreis des Teams Migration und Integration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn entgegen. Der Preis unterstreicht die Bedeutung von Ausbildungsbetrieben als Schlüsselorte gelingender Integration – eine wunderbare Bestärkung, weiterhin Brücken zu bauen, Chancen zu schaffen und Integration als das zu verstehen, was sie ist: kein zeitlich begrenztes Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess.
Seit Herbst 2024 arbeiten am Standort Aarwangen im Zusammenspiel von enger Begleitung und Eigenverantwortung alle Lernenden auf der gleichen Station. Ein Konzept, das aufgehe, zieht die Berufsbildungsverantwortliche Sabrina Egli am Standort Aarwangen ein erstes Fazit: «Wir verzeichnen deutlich mehr Lehrstellen- und Schnupperbewerbungen, andere Bereiche möchten nach einem Augenschein bei uns ebenfalls eine solche Station und auch unter den Berufsbildner:innen beginnt sich die Erfolgsgeschichte herumzusprechen.»
