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Bewegende momente im lebhafen alltag

Persönliche Begegnungen im Team oder mit Bewohnenden sind die Motivation der Mitarbeitenden. Mit einem überarbeiteten standortübergreifenden Pflegekonzept und gemeinsamen Fachtagungen schafft MiA-Projektleiterin Gabriela Siegenthaler zusammen mit den Teams Halt und Entwicklungsräume auf dem Weg zu mehr Stabilität. Diese Haltung zeigt sich nicht nur in Konzepten und Gefässen, sondern vor allem im gelebten Alltag.

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Nach der Morgenrunde auf der Abteilung Tierlihus in Aarwangen ist die Lernende froh darüber, wie sie den Start in den Tag gemeistert hat. Früh am Morgen tasten sich alle an den Tag mit seinen Launen heran. Die Haare sind ungekämmt, die Schlafkleider zerknüllt. Oft sind es die unerwarteten Begegnungen, die den Unterschied machen: «Danke für Ihre Hilfe», kommt spontan über die Lippen der jungen Frau, die sich in der Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit befindet. «Ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben», antwortet darauf die Bewohnende mit einem anerkennenden Zunicken.

«Wir können die Momente festhalten, die uns Kraft geben und der Arbeit Sinn verleihen.»

Tatjana Nützi

Der Alltag im Tierlihus ist oft dynamisch und fordert uns auf vielerlei Weise heraus. Begegnungen wie diese bleiben erhalten. Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeitenden im Tierlihus systematisch diese Momente wahrgenommen, erfasst und gemeinsam reflektiert. Teamleiterin Tatjana Nützi lächelt, wenn sie diese Geschichte erzählt. Am täglichen Austausch mit dem Team habe die Lernende berichtet, dass sie als Bezugsperson und als Mitarbeitende gesehen und geschätzt wurde. «Wir können die Momente festhalten, die uns Kraft geben und der Arbeit Sinn verleihen», sagt Tatjana. Jede Person kann die Methode einfach und täglich anwenden, und die Energie, die durch das Erkennen dieser Momente freigesetzt wird, ist beeindruckend.

Gabriela Siegenthaler (l.) ist Projektleiterin Menschen im Alter.
Tatjana Nützi (r.) ist Teamleiterin, Berufsbildnerin und dipl. Pflegefachfrau HF in der Abteilung Tierlihus in Aarwangen.

PERSONZENTRIERTE PRAXIS: DER MENSCH IM ZENTRUM

Personzentrierte Momente heisst die Methode, mit der die Mitarbeitenden seit 2025 konkret arbeiten und den Grundstein für eine langfristige Kulturentwicklung legen. Gabriela hat dieses Werkzeug zusammen mit dem Kernteam Menschen im Alter (MiA) eingeführt. «Ich habe mich bewusst für eine Methode entschieden, die einfach und verständlich ist und einen raschen Effekt hat, indem jede und jeder Einzelne sensibilisiert wird auf das eigene Handeln und dessen Auswirkungen», erklärt sie. Die Sammlung der personzentrierten Momente, welche ein wichtiger Teil der Reflexion ist, wird als offenes, digitales Gefäss gestaltet, in dem die Erlebnisse dokumentiert werden. Auch werden die Beispiele genutzt, wenn es gerade mal nicht so läuft. Namen von Bewohnenden gehören nicht dazu, Anonymität wird hochgehalten.

Jeweils um 13 Uhr kommt das Team zusammen, um die erlebten Momente gemeinsam zu reflektieren. Dieser Austausch ist ein bewusster Teil der Methode und soll die Entwicklung anstossen, bewährte Praktiken zu hinterfragen, und ermöglicht es, aus der gewohnten Rolle des Tuns herauszutreten und zu erkennen, was wie auf die Bewohnenden und Mitarbeitenden wirkt, so Gabriela. Tatjana ergänzt: «Oft sind die Beispiele so simpel und lebensnah, oft sehr lustig oder auch mal traurig, dass dies zu Beginn gar nicht bewusst ernst genommen und mitgeteilt wurde.» Mittlerweile erkennen die Mitarbeitenden diese bewusst. Die Sammlung ist gross. Ein weiterer Effekt sind die positive Grundstimmung, die hohe Arbeitsmotivation und der Raum, der für persönliches Wachsen und Lernen jeder und jedes Einzelnen entsteht.

VON DER «LANDKARTE» ZUM KONZEPT

Der Weg zur Entwicklung einer personzentrierten Kultur hat 2025 begonnen. Das MiA-Kernteam hat in intensiver Arbeit eine «Landkarte» mit 53 anstehenden Themen unter acht Schwerpunkten erarbeitet. Der Grundstein wurde gelegt, um mit gemeinsamen Werten eine bessere, strukturiertere Orientierung zu schaffen. Bewohnende und Mitarbeitende sollten bewusster ins Zentrum der Arbeit gestellt und darum herum die fachlichen Themen für die Stiftung Lebensart aufbereitet werden. Als wesentlicher Grundstein für die tägliche Arbeit mit den Bewohnenden und im Team folgte im Mai 2025 das überarbeitete Pflegekonzept. «Die Teamleitungen haben nun konkrete Unterlagen in den Händen», erklärt Gabriela. «Bei der Überarbeitung des Pflegekonzepts war der persönliche Austausch zwischen den Standorten besonders wichtig.»

VOM KONZEPT IN DIE PRAXIS

Die MiA-Tagung im Juni war ein Meilenstein, der gezeigt hat, wie Mitgestaltung und Austausch zum gemeinsamen Lernen beitragen. In kurzer Zeit konnte der Bogen vom Konzept zur Praxis und zur notwendigen Weiterentwicklung gespannt werden. Und so haben alle Standorte mit unterschiedlichem Tempo als Erstes mit dem Erfassen von personzentrierten Momenten begonnen. Gabriela bilanziert: «Wir kamen nicht so schnell voran wie geplant, aber wir konnten dank gemeinsamen Grundlagen Klarheit schaffen und sind stetig dran.» Es sei klar geworden, dass der Weg zusammen weitergeht und vor allem auch auf engagierte Mitarbeitende baut, die Verantwortung übernehmen wollen.

«Wir kamen nicht so schnell voran wie geplant, aber wir konnten dank gemeinsamen Grundlagen Klarheit schaffen und sind stetig dran.»

Gabriela Siegenthaler

Bereits im November folgte ein weiterer gemeinsamer Arbeitsnachmittag. Rollen konnten geklärt werden, die Teamleitungen, die Berufsbildungsverantwortlichen und Fachverantwortlichen aller Standorte tauschten sich untereinander aus, vertieften Themen und entwickelten gemeinsame Haltungen, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern. «Auch hier standen die Menschen im Zentrum, die zusammen die Veränderungen in den zukünftigen Rollen und Aufgaben, das Ziel und die Vision gemeinsam mitgestalten konnten», sagt Gabriela.

DER BLICK AUF DEN SINN DER ARBEIT

Die Veränderungen können Ängste erzeugen, und der eigentliche Sinn der Arbeit gerät aus dem Blick. Gerade nach einem schweren Tag mit vielen Spannungen und schwierigen emotionalen Ereignissen scrollt Tatjana durch die Liste der personzentrierten Momente. Manchmal frage sie sich, ob diese Veränderungen die gewünschten Verbesserungen bringen würden. Tatjana blickt weiter auf die Liste der persönlichen Erlebnisse und bilanziert mit einem weiteren Lächeln: «Wir werden jeden Tag besser, aber niemand merkt’s. Es sind diese Geschichten, die die Fortschritte dokumentieren und für die wir unsere Arbeit machen.» Dabei kommt beiden dieser Moment in den Sinn: Zwei Lernende haben mit einer Bewohnerin aus einer Alltagssituation beim Haareföhnen und Nägelschneiden etwas Magisches entstehen lassen. Bei Musik, die die Bewohnerin liebt, wurde getanzt und gesungen. Diese Stimmung wirkte an diesem Tag und darüber hinaus positiv auf alle Mitarbeitenden. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Lernenden aus einer Alltagssituation einen besonderen Augenblick für alle kreieren.

Im Frühling 2026 ist bereits der nächste Arbeitsnachmittag geplant. Das MiA-Kernteam nutzt diese Treffen, um Raum für die nächsten Entwicklungsschritte zu schaffen und damit den Alltag von Bewohnenden und Mitarbeitenden positiv und mit Freude zu gestalten.

GUETI MOMENT – Dokfilm Entwicklungsstation Lebensart Aarwangen

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