im eigenen tempo wachsen
Studien zeigen, dass sinnvolle, strukturierte Arbeit im geschützten Rahmen wesentlich zur Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen beiträgt. Laura Mahindan, Leiterin der Tagesstätte Bärau, erlebt diesen Effekt tagtäglich und lässt uns an Peters Beispiel hinter die Kulissen der etwas anderen Tagesstätte blicken.
Peter strahlt übers ganze Gesicht, als er zum Händeschütteln um den Tisch herum kommt. Den Grund dafür trägt er oft und mit viel Stolz: sein SC-Bern-T-Shirt. Dass der Fotograf seine SCB-Begeisterung teilt, freut den Eishockeyfan sehr. Viele Worte verliert er dabei nicht, er kommuniziert mit einzelnen Stichworten und ergänzt diese mit Gesten und der Sprachhilfe auf seinem Tablet.
Laura Mahindan
Neben Alltagshandlungen sind hier auch Mitarbeitende der Tagesstätte, Lieblingsgerichte und weitere wichtige Begriffe in Piktogramm- oder Fotoform hinterlegt. «Das Tablet unterstützt ihn und uns, wenn er ein Wort nicht findet oder wir nicht auf Anhieb verstehen, was er meint», erklärt Laura Mahindan, die Peters Arbeitsbezugsperson ist. «Sich ewig wiederholen zu müssen, weil das Gegenüber einen nicht versteht, kann sehr frustrierend sein. Das Tablet ist darum ein fester und wichtiger Bestandteil unseres gemeinsamen Alltags.» Wer weniger technikaffin ist, nimmt die Piktokärtchen zu Hilfe, die ebenfalls auf dem Tisch liegen.
Peter indes geht der Umgang mit dem Tablet leicht von der Hand – er muss nicht lange suchen und wechselt geübt zwischen verschiedenen Apps hin und her. «Seit letzter Woche hat er sogar ein eigenes YouTube-Konto», so Laura. «Ja», sagt Peter und strahlt erneut. Wichtig sei ihm auch die Wetter-App, «dort steht jeden Tag ein Satz des tagesverantwortlichen Meteorologen. Diesen lässt er sich von uns immer gleich als Erstes vorlesen.»
Danach geht es an die Arbeit, die, so verrät der Blick auf den Rollwagen neben dem Tisch, sehr vielfältig ist. Hier liegen verschiedenste Dinge parat, die einen Bezug zu Peters Alltag in der Tagesstätte für Menschen jeden Alters haben.
Als Erstes möchte er uns die Papiersäcke zeigen, was er Laura anhand einer Stempelbewegung mitteilt. «Mit dem Stempel des Markthalle-Logos machen unsere Mitarbeitenden die Säcke bereit für ihren Auftritt ausserhalb der Stiftung», erklärt die Leiterin der Tagesstätte. Für den 60-Jährigen zählt diese Arbeit zu seinen liebsten, weil sie sein Mittun sichtbar macht und nach aussen trägt. Ebenso gerne mag er das Auswaschen der Töpfe der stiftungseigenen Gärtnerei. «Im Sommer spült er manchmal fünf Tage die Woche Töpfe, draussen am Brunnen, und sortiert sie nach Grösse, was unseren Gärtner:innen die Arbeit doppelt erleichtert.» Peter nickt und macht deutlich, dass er uns nach dem Gespräch den Innenwaschplatz zeigen will.
Wir nehmen derweil den Arbeitserleichterungsfaden auf, in welchem eines der wichtigsten Credos der Tagesstätte begründet liegt: Die Bewohnenden sollen hier nicht einfach beschäftigt, sondern mit Arbeiten betraut werden, die Ziel, Sinn und Nutzen haben. Oder wie Laura es ausdrückt: «Zeit- und Leistungsdruck hat bei uns absolut nichts verloren, aber: Es geht auch nicht darum, dass die Bewohnenden den ganzen Tag Mandalas ausmalen.» Stattdessen machen es sich Laura und ihr Team zum Ziel, für jede und jeden eine passende Arbeit zu finden, auf dass Stabilität und Weiterentwicklung Hand in Hand gehen: «Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit ist es, die Bewohnenden dort abzuholen, wo sie aktuell stehen. Die Erwartungen sind entsprechend individuell und manchmal sehr klein, zumindest aus unserer Sicht. Für den jeweiligen Menschen machen sie jedoch einen Riesenunterschied und genau um diese Perspektive geht es.»
Ein Ziel, das viel Beziehungsarbeit erfordere, so Laura: «Wollen wir für alle die passende Arbeit finden, müssen wir unsere Leute entsprechend gut kennenlernen. Was sind ihre Vorlieben, aber mindestens genauso wichtig: Was mögen sie überhaupt nicht? Natürlich möchten wir die Bewohnenden motivieren, Neues zu lernen, Dinge auszuprobieren. Eben weil es bei uns keine Rolle spielt, wenn es dann doch nicht klappt. Aber: Wir wollen niemanden zu etwas zwingen. Die Bedürfnisse und das Wohlbefinden der Bewohnenden stehen über allem, der Rest ergibt sich darum herum.» Das heisst auch, dass Tage mitunter komplett anders laufen als angedacht, weil sich die Umstände vorzu ändern und potenzielle Störfaktoren zahlreich sind.
Laura Mahindan
Neben der Tagesstruktur und der Gemeinschaft, die er hier findet, ist die Tagesstätte für Peter auch darum so bedeutsam: Weil er sich jederzeit abmelden kann, wenn er sich nicht gut fühlt oder über Nacht zu viel Schnee gefallen ist, um sich mit dem Rollator auf den Weg in die Tagesstätte zu machen. Und weil er problemlos Schichten abtauschen kann, wenn er abends mal weggeht. «Morgen zum Beispiel», sagt Laura, worauf Peter nickt. Ein Abendessen mit seiner Bezugsperson Wohnen steht auf dem Programm. Er weiss schon genau, was er bestellen wird: «Rösti», sagt er und zeigt uns das Bild dazu auf seinem Tablet. Neben den verschiedenen Apps hat Peter darauf auch ein Tagebuch, in dem Laura und ihr Team nach seinen Vorgaben täglich kurz festhalten, was er gemacht hat, meist mit dem passenden Bild dazu. «Diese Einträge ermöglichen Peter, auf der Wohngruppe mit wenigen Worten zu erzählen, was er heute erlebt und geleistet hat.»
Damit spricht Laura einen weiteren wichtigen Faktor an: «Die Arbeit bei uns stärkt neben dem Selbstvertrauen und der Selbstwirksamkeit auch soziale Beziehungen und die Teilhabe am Alltag, funktional wie emotional.» Gemeinsame Momente werden darum grossgeschrieben. «Wir essen zusammen Znüni und Zvieri, jetzt in der Adventszeit kochen wir auch mal einen Punsch auf dem Feuer und immer mittwochs ‹brätlen› wir am Nachmittag.» Pausen, die den Raum für Gespräche und Kontakte über die jeweiligen Häuser hinaus öffnen sollen. «Beat», sagt Peter wie aufs Stichwort und meint damit einen Arbeitskollegen, der inzwischen auch zum Musikgruppenfreund geworden ist.
